cover Carsten Daerr + Daniel Erdmann - Berlin Calling

Carsten Daerr + Daniel Erdmann
Berlin Calling
02 FEB 2007

ACT/Edel CD 9656-2
EAN/UPC 6 14427 96562 2

 

tracks

 
  • 1. Habibi 3:22 
  • 2. Görlitzer Park 1:57 
  • 3. Reveal Your Identity 2:09
  • 4. Alabama Song  3:35
  • 5. Playajazzchord 3:25
  • 6. Maurice Wilson's Ever Ever Wrest 8:22  
  • 7. I Love Lörts  5:05
  • 8. Bambus  5:03
  • 9. Tag 2:28
  • 10. Blume in Asphalt 6:33
  • 11. Psychobraut 5:48 
  • 12. Berlin 4:29

credits

Musik 2, 5, 10: Carsten Daerr
Musik 1, 3, 7: Daniel Erdmann
Musik 6, 8, 9: Oliver Potratz
Musik 11: Ronny Graupe
Musik 4: Kurt Weill
Musik 12: Ideal

Recorded at Traumton Studios and mixed by Markus Mittermeier
Mastering by Klaus Scheuermann
Produced by Carsten Daerr + Daniel Erdmann

lineup

Carsten Daerr piano, melodica
Daniel Erdmann saxophone
Ritsche Koch trumpet
Ronny Graupe 7-string-guitar
Oliver Potratz bass
Sebastian Merk drum

info

Denn sie wissen, was sie tun… 

Die Young German Jazz Reihe von ACT geht in die siebte Runde. Junge deutsche Jazztalente zu fördern, hat für ACT Labelchef Siegfried Loch Tradition: Bereits in den 60er Jahren machte er sich für den deutschen Jazz stark und Musiker wie Klaus Doldinger oder Volker Kriegel verdankten ihm ihre ersten Produktionen. Nachwuchsmusiker systematisch aufzubauen, die großen deutschen Festivals auf die Stärke der einheimischen Szene aufmerksam zu machen, ihr eine faire Chance im internationalen Vergleich zu geben und Anstöße zu liefern – als dies ist das besondere Anliegen der im Januar 2005 gestarteten Reihe, die im In- und Ausland mittlerweile breiten Zuspruch gefunden hat. Gerade in England und Frankreich wächst das Interesse und die Aufmerksamkeit: "Wir, auf dieser Seite des Rheins, müssen uns schleunigst daran machen, dem jungen deutschen Jazz ein Ohr zu schenken. Denn er wartet nicht. Er ist schnell und hat sich bereits einen Weg zu wohlverdienter internationaler Anerkennung gebahnt. An erster Stelle muss hier der junge Jazz aus Berlin genannt werden", befand das einflussreiche französische "Jazz Magazine" im Dezember 2006.

Die siebente Ausgabe dieser Edition widmet sich weder einem einzelnen förderungswürdigen Nachwuchstalent noch einer kompletten Band, sondern wirft ein spontanes Schlaglicht auf eine ganze Szene.

Berlin ist eine Stadt mit einzigartiger Geschichte. Die dunklen und die schönen Seiten des Lebens sind in keiner anderen europäischen Metropole der Neuzeit derart schicksalhafte Allianzen eingegangen wie in der mehrfachen deutschen Hauptstadt. Die allen Verlautbarungen zum Trotz längst noch nicht überwundene Teilung war nicht nur Ausdruck äußerer Zwänge, sondern auch innerer Schizophrenie. Bis zum heutigen Tag ist die Stadt an der Spree ein lebendiger Widerspruch, der in allen Bereichen des Lebens mehr Fragen aufwirft, als er Antworten gibt.

So auch im Jazz. Alle vier bis fünf Jahre versucht eine neue Generation von Musikern zu definieren, was Berliner Jazz ist. Niemals gelangte einer dieser Versuche an einen Punkt, der auch nur vorübergehend Klarheit geschaffen hätte. Doch vielleicht wäre diese Klarheit auch der Todesstoß für die Berliner Szene gewesen. Berlin ist eben nicht New York, London oder Tokio. Berlin ist ein Organismus, der sich jeden Morgen neu erklärt, sich in neuen Klängen manifestiert.

Berlin Calling ist kein weiterer Versuch, dem Berliner Jazz ein ultimatives Soundgewand überzustreifen. Im Gegenteil. Indem sich beim Hören dieser in jede Richtung offenen Musik der Eindruck vermittelt, sie könnte ebensogut an jedem anderen Ort dieses Erdballs entstanden sein, arbeitet sie eine entscheidende Stärke des Berliner Jazz heraus. Der Sound von Berlin war von Anbeginn viel weniger verortet als der anderer Jazz-Zentren. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Berliner Jazz erzählen die Geschichte einer sich ständig verändernden Collage, die niemals ihre endgültige Form und Gestalt finden wird. »Die Berliner Szene lebt von ihrem Gestaltenreichtum«, bestätigt Daniel Erdmann im Hinblick auf Berlin Calling. »Deutlicher als anderswo verschwinden hier die Konturen zwischen den Stilen. Das fordert den Musikern die Fähigkeit zum kreativen Kompromiss ab und macht sie flexibler. Inzwischen ist es in Berlin fast ebenso leicht, Bands mit Musikern unterschiedlicher Vorlieben zu gründen als Gruppen Gleichgesinnter.«

Berlin Calling ist eine nachhaltige Momentaufnahme. Ein Treffen zweier Altersgruppen der jüngeren Berliner Jazz-Generation, die hier ihre eigenen Fragen formulieren. Da sind auf der einen Seite Saxofonist Daniel Erdmann, der in der Band Ta Lam Zehn von Gebhard Ullmann Furore machte und mit seiner eigenen Formation Erdmann 3000 neue Facetten zwischen moderner Tradition und Avantgarde aufschlägt, sowie Pianist Carsten Daerr, der mit seinem Trio das angestaubte Format des Piano-Jazz-Trios auf den Kopf stellt – und auf der anderen Seite vier vielversprechende Youngster, die sich noch keiner flächendeckenden Anerkennung erfreuen: Trompeter Ritsche Koch, Gitarrist Ronny Graupe, Bassist Oliver Potratz und Drummer Sebastian Merk. »Berlin selbst braucht keinen Weckruf«, stellt Carsten Daerr klar. »Aber vielleicht ist das ja eine Art Weckruf, der die Außenwelt auf die Berliner Szene hinweist. Unter Musikern ist der Ruf von Berlin als Jazzstadt viel besser als unter Kritikern und Hörern. Viele Musiker kommen nach Berlin, weil sie hier die Kontakte finden, die sie brauchen.«

Leicht haben es sich die sechs Musiker dabei nicht gemacht. Sie vermeiden alle Klischees von Free-, Noise- oder Groove-Jazz, verharren weder im Swing noch in Ethno-Platitüden, mit denen Berlin bisher etikettiert wurde. Stattdessen spielen sie eine fragile, sensible und intelligente Musik, die sich nicht ohne weiteres benennen lassen will. Und doch schließen sie auch den Kreis zu den ganz Großen der Jazzgeschichte. Denn sie wissen nicht nur genau, was sie spielen müssen, sondern verstehen auch souverän wegzulassen.

presse

»»Berlin rennt.
Für die neueste CD ihrer Reihe mit jungem deutschen Jazz ist die Plattenfirma ACT in der Hauptstadt fündig geworden. Der Pianist Carsten Daerr und der Saxophonist Daniel Erdmann versuchen sich in einem agil aufspielenden Sextett an der Neudefinition eines Berliner Großstadt-Idioms. ›Berlin Calling‹ spurtet durch die Stilistiken des modernen Jazz, das Klangbild zu einer modernen Variante von Döblins ›Berlin Alexanderplatz‹. Ganz selten lässt die CD Platz zum Ausruhen, bis sie schließlich in ›Berlin‹, dem 1980er-Jahre-Hit der Gruppe Ideal, ein sympathisches, ironisch abgesetztes Ende findet.«

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Fono Forum | Dr. Stephan Richter | April 2007